Erfahrungsbericht Perrera La Pared

Posted by admin at 17:53 am 30.06.2015

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Fuerteventura Erlebnisbericht 26.05.-06.06.2015
Perrera La Pared


Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht wo ich anfangen soll.... ich weiß nur, dass ich diesen Weg nutze um die gesammelten Erfahrungen zu verarbeiten und vor allem auch weiter zu geben.
Ich möchte keinem etwas aufdrängen oder zu etwas raten wie er was machen soll, aber vielleicht regt es ja zum Nachdenken an.

Es ist Ende Mai - Flug DE 6441 - Hamburg - Puerto del Rosario Ankunftszeit: 15:40


Ich habe mir von dem Besuch auf der Insel nichts versprochen oder irgendwelche Erwartungen gehabt. Ich ließ mich auf das Abenteuer einfach ein und wollte sehen, was mich nach reichlich berichteten Erzählungen im Vorfeld vor Ort wirklich erwartet und wie ich darauf reagieren würde. Dass es kein 12-Tage-Hotel-Strand-Urlaub werden sollte, war von vorne rein klar und auch so gewollt. Ich musste einfach mal raus kommen von Zuhause und hatte vor mir den Tierschutz auf Fuerteventura vor Ort anzugucken, welchen Animal Care e.V. seit Jahren dort erfolgreich betreibt.
Am späten Nachmittag des 26.05.2015 landete ich in Puerto del Rosario auf Fuerteventura und es kam mir eine kräftige Hitzewolke beim Verlassen des Flughafens entgegen. Schnell ging der Griff zur Sonnenbrille und schließlich im Auto angekommen, das mich in Richtung meiner Unterkunft bringen sollte, ging schonmal der erste Liter Wasser während der Fahrt drauf.
In meiner Unterkunft im Norden im Dorf Lajares angekommen bereitete ich mich auf den nächsten Tag vor, denn es hieß, dass ein Besuch in der Perrera von La Pared anstehen würde. Also ging es früh zu Bett um am nächsten Tag fit zu sein.

Am nächsten Morgen ging es gegen 9 Uhr los auf den Weg in den Süden nach La Pared.
Es hieß es sollten 2-3 Hunde ausgeguckt werden die gute Chancen auf eine Vermittlung in Deutschland haben könnten und somit aus der steinernen Festung entkommen können.
Das Auto wurde auf dem Grundstück der Perrera geparkt und schon beim Austeigen in die glühende Sonne viel mir sofort lautes Hunde Gejaule auf. "Mensch" dachte ich, dass werden aber einige Hunde sein die da drinnen sitzen. Ich hatte mir schon gedacht, dass man ein paar Hunde hören würde, aber eine derartige Vielfalt an verzweifelten Hilferufen habe ich mir nicht erträumen lassen bis zu dem Zeitpunkt, als ich aus dem Wagen ausstieg.
Nach gutem Rat zog ich mir Wechselklamotten an, um den sich unter jungen Hunden schnell verbreitenden Virus "Parvovirose" nach Möglichkeit nicht zu verschleppen. Nun stand ich da und war "startklar" mir selber ein Bild von einer der drei Perreras auf Fuerteventura zu machen.

Mir gingen etliche Dinge durch den Kopf - wie wirst du auf kranke Hunde reagieren? - Wie wirst du auf eventuell verstorbene Vierbeiner reagieren, die noch in ihrer "Zelle" liegen? - Wie wirst du auf die abgemagerten Tiere reagieren...? Diese ganzen Fragen gingen mir seit Beginn der Fahrt am Morgen immer und immer wieder durch den Kopf. Nun war es soweit und ich betrat die Perrera.
Bereits beim ersten Schritt über die Türschwelle kam mir ein Geruch in die Nase der noch Wochen lang in Erinnerung bleiben sollte. Es war ein leicht beißender, sehr intensiver Geruch, den ich einfach nicht zuordnen konnte, da er mir bis dato nicht bekannt war. Die ersten Schritte in der Perrera wurden ebenfalls von dem mir noch stark auffallendem Hundegebell begleitet. Doch die Lautstärke und der Geruch sollten schlagartig mit dem ersten Blick in "Zelle Nr.1" in Vergessenheit geraten. Für den Moment fällt es einem nicht auf, was alles um einen herum passiert, weil es einfach unglaublich viele Eindrücke sind, die auf einen einwirken. Alle zuvor erzählten Berichte und meine eigenen Vorstellungen wurden durch den ersten Kontakt mit den Hunden ins Dunkle gestellt und da war er nun: Der Moment, dem ich seit Wochen mit Bedenken, Ehrfurcht und Spannung entgegen fieberte.
Im ersten Zwinger befanden sich etwa 10 kleinere Hunden. Mehr als die Hälfte davon waren Welpen. Vier von ihnen waren erst ein paar Wochen jung, aber von der Mutterhündin fehlte bereits jede Spur. Schrecklich!
Es war ein aufgeweckter Haufen, aber schnell vielen mir auch die zwei kleinen Hunde auf die einfach erschöpft und total verängstigt in einer dreckigen Ecke zusammen gekauert auf dem harten Betonfußboden lagen und alles was so passierte über sich ergehen ließen. Ich fragte mich, was sie in ihrem jungen Alter bereits erlebt haben mussten, um so sehr verschreckt zu reagieren...
Die Frage entfloh aus meinen Gedanken, als ich zur nächsten Zelle ging. Im Vorfeld wurde mir erzählt, dass ich auf Hunde treffen würde, die sehr dünn seien und verwahrlost aussehen würden. Hier fand ich eine Podenco-Hündin vor, die nur noch aus Haut und Knochen bestand. So etwas habe ich nie zuvor "live" gesehen und hier musste ich das erste Mal wirklich schlucken. Wenn ich mich recht entsinne hatte ich keine direkten Gedanken in dem Moment. Ich stand einfach da und war dermaßen perplex, dass die Hündin überhaupt noch stehen und sich bewegen konnte. Es dauerte erst ein paar Sekunden bis ich aus meiner Art "Tunnelblick" wieder heraus kam und ich wieder einen relativ klaren Gedanken fassen konnte.
Kopfschüttelnd dachte ich..."Hier mangelt es einfach an Futter...schrecklich, dass es an so einfachen Dingen mangeln muss“, denn ich wusste zu dem Zeitpunkt bereits, dass dem Pfleger nur begrenzte wöchentliche Futterrationen zur Verfügung stehen und er den abgemagerten Tieren keine "extra" Portion geben konnte, weil es dann am Freitag, am Ende der Arbeitswoche, an Futter für andere Hunde mangeln würde.
Unsereins bekommt schlechte Laune, wenn es mal einen Tag lang in der Woche vielleicht keine warme Mahlzeit gibt, sondern nur Brot oder andere Dinge. Ich zähle mich dazu. Alles andere wäre gelogen, aber durch solche Begegnungen mit den Tieren kam ich selber ins Grübeln, ob es wirklich sein muss, dass man wegen "sowas" schlechte Laune bekommt und sich nicht doch auch mit etwas "Einfachem", zufrieden geben kann. Uns geht es einfach zu gut! Das Problem: wir merken es gar nicht mehr, weil wir es schon als normal ansehen.

Die Zustände der meisten Hunde waren mehr als miserabel. Zustände, die ich lediglich von irgendwelchen Bildern aus dem Internet kannte. Dass ich solche Tiere jetzt um mich herum hatte konnte ich zu dem Zeitpunkt des Besuches in der Perrera gar nicht richtig verarbeiten. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt zu verstehen, was ich hier sah.
Ich hatte als kleines "Gastgeschenk" für jeden Hund eine kleine Kaustange dabei, welche ich zum Ende des Besuches an alle Hunde verteilte. Doch auch hier war nicht an einfaches Verteilen zu denken, was sich in einem Zwinger besonders deutlich zeigte. Es war ein Bardino-Mix, etwas größer als kniehoch mit dunkel geschecktem Fell, der seine Zeit in dieser Hundehölle absitzen musste.
Ich zog eine Kaustange aus der Verpackung und war darauf eingestellt, dass der Hund zügig und mit Freude an die Tür kommen würde, um sich das Leckerchen zu holen. Doch ich stellte schnell fest, dass ich mich irrte und alles anders kam, wie bei den Hunden zuvor denen die Kaustangen willkommen waren. Die Zwinger sind aufgeteilt in einen kleinen Außen- und Innenbereich. Dieses Tier stand in der hintersten Ecke im Außenbereich des Zwingers und schon die Körperhaltung fiel mir auf, da sie wesentlich anders war, als bei den anderen Hunden.
Die Ohren waren nicht aufgestellt, sondern hingen einfach herab. Der Schwanz war zwischen die Hinterläufe geklappt und der Hund zitterte am ganzen Körper und diese tiefe Lehre in seinen Augen. Dieses Bild, der Anblick des Hundes, wird mir ein Leben lang wohl nicht mehr aus dem Kopf gehen.
Ich hielt die Kaustange durch eine Öffnung an der Gittertür in den Zwinger und dachte mir, wenn der Hund das sieht wird er gleich kommen und sie sich abholen. Falsch gedacht - schnell fiel auf dass das Tier nur zögerliche kleine Schritte machte. Er kam einen Schritt auf mich zu und machte zwei Schritte zurück. Er betrat nicht ein einziges Mal den kleinen Innenbereich des Zwingers mit der Tür, an der ich mit dem Leckerli stand. Das war für mich persönlich einer der schlimmsten Momente die ich in dieser Perrera erlebt habe. Der Hund stand nun zwischen der Entscheidung einer kleinen zusätzlichen Mahlzeit, die seinen unerbittlichen Hunger etwas befriedigen würde und dem "Menschen". Es war ein bereits in die Jahre gekommener Hund. Ich stellte mir mit einem Kloß im Hals die Frage, was muss diesem Tier widerfahren sein, dass die Angst enttäuscht zu werden um vieles größer war, als der Wunsch, das im Magen zu füllende "Loch" zu stopfen. Mehr Angst vor dem Menschen als schmerzender Hunger...wir alle wissen, was "Hunger" mit uns anstellen kann.
Wie oft muss der kleine "Mann" immer und immer wieder den Mut aufgebracht haben auf Menschen zuzugehen, um doch wieder enttäuscht feststellen zu müssen "die wollen mir ja gar nichts Gutes". Das war für mich die einzige plausible und abartige Erklärung, welche mir in den Sinn kam, wieso der Hund so mit sich kämpfen musste und letzten Endes nicht auf mich zukommen konnte. Mir fehlten absolut jegliche Worte und ich empfand einfach nur noch eine brennende Wut in meinem Magen über diese Menschen, die dem Tier ein solches Leben angetan haben. Letzten Endes warf ich ihm das Leckerli entgegen und duckte mich etwas herab, sodass ich etwas kleiner und weniger "gefährlich" wirkte...zögernd kam er aus der brennenden Nachmittagsonne die auf ihn niederbrannte in den Innenbereich des Zwingers und nahm ganz behutsam und noch immer angsterfüllt seinen Snack. Schnell würgte er ihn sich herunter. Weiterhin geduckt beobachtete ich ihn, ehe ich meinen Blick von der Fellnase abwandte und die anderen mit Snacks versorgte.
Damit hatte ich genug erste Eindrücke sammeln können und ließ fürs Erste den beißenden Geruch, die Lautstärke und leider auch die traurigen Schicksale hinter mir. Draußen erwartete mich dann direkt der nächste Aufreger über die Gleichgültigkeit und Dummheit der Menschen.
Hier ging es jetzt um einen ca. 8 Wochen jungen Welpen, der bereits im Sterben lag. Er wurde von uns aus seinem Zwinger geborgen und nach draußen gebracht. Die kleinen Knopfaugen waren bereits geschlossen und er war auch nicht mehr bei Bewusstsein. Der kleine Bauch ging zögernd und ganz schwach hoch und runter. Die Atmung war wohl das einzige, was bei dem Kleinen noch funktionierte. Wir wollten einfach, dass er in Ruhe seine letzten Minuten verleben konnte, bevor er einschlafen würde.
Mir fiel sofort auf, dass der Kleine von oben bis unten komplett nass war. Ich fing an zu überlegen. In den Wassernapf fallen konnte er nicht, weil die Pfleger der Perrera nicht darauf achten, was sie für Behältnisse in die Zwinger stellen. Bei der Hündin mit ihren 8 Welpen stand ein etwa 50 cm hoher Eimer zur Wasserversorgung, an den die Welpen gar nicht rankamen um zu trinken. Auch hier wieder einfachste Dinge die nicht funktionieren. Mit Erschrecken musste ich dann schließlich feststellen, wieso der Welpe so nass war: Die "Zellen" werden natürlich gereinigt. Dieses passiert indem der "Pfleger" die Zwinger mit einem Wasserschlauch ausspült. Dies bedeutet, dass der Welpe, der wohl möglicherweise schon Stunden im Sterben lag, beim Reinigen der "Zelle" einfach mit dem Wasser aus dem Schlauch überspült worden war. Ich war komplett fassungslos, als mir diese Erkenntnis in den Sinn kam. Schlimm genug, dass die bereits sterbenden Tiere nicht erlöst werden sondern elendig auf sich allein gestellt verrecken müssen und dann noch ein "Pfleger" dermaßen Desinteresse zeigt und mit dem harten und kalten Wasserstrahl über den Kleinen rüberspült. Nach wie vor kann ich auch jetzt keine Worte dafür aufbringen, was in dem Moment in mir vorging.
Wir brachten den kleinen Hund dann zum Tierarzt, wo er schließlich erlöst wurde.


Nachdem schweren Herzens drei kleine Mischlinge und drei Welpen ausgesucht und heraus zum Auto gebracht wurden endete mein 1 1/2 stündiger Aufenthalt in der Perrera von La Pared.
Ich würde mir wünschen, dass ich mit diesen geteilten Erlebnissen ein paar Denkanstöße verteilt habe und in Zukunft einfach mehr Menschen von den Nöten, die neben ihren Luxushotels täglich passieren, erfahren und sich somit mehr Interesse bei den Leuten breit macht und irgendwann das Leid der Tiere auf ein Minimum herunter geschraubt werden kann!

Oliver Dietes